CONTENT NOTES! Suizidgedanken, Gewalt und Missbrauch gegenüber Schutzbefohlenen

Pt. 2 – Fast Forward: David (Edit)
(...)
Ich kann unmöglich schlafen.
Mein Kopf ist überflutet mit beunruhigenden Gedanken.
Die ganze Zeit sehe ich Marcs Grinsen vor mir. Kein Grund zur Aufregung. Das hat auch Sam gesagt, als ich ihm davon berichtet habe: - Reg dich bitte nicht auf! Und nach einigem Nachdenken: Eine merkwürdige Entscheidung, die Jolina da getroffen hat. Aber sie wird schon ihre Konsequenzen ziehen, wenn irgendetwas nicht in Ordnung wäre. Das sollte mich beruhigen. Sie war so nervös, denke ich. Als würde sie irgendetwas verbergen.
Zum fünfzigsten Mal drehe ich mich in Bett um. Ganz vorsichtig, damit ich Leo und Sam nicht wecke. Beide schnarchen leise vor sich hin. So gut möchte ich auch mal schlafen können.
Ich habe die Nase voll von der Dreherei und stehe auf. Ein Joint auf dem Balkon wird vielleicht helfen. Und wenn ich damit nur die Nacht überstehe.
Auf dem Balkon ist es dunkel und still. Nur selten hört man in der Ferne ein Auto vorbeirauschen. Loreley sitzt neben mir und beobachtet die Fledermäuse. Immer wenn sie eine entdeckt, winselt sie kurz. Mit dem Joint in der Hand lehne ich mich auf dem Liegestuhl zurück. Der Himmel ist klar. Man kann die Sterne sehen. Kleine flackernde Pünktchen. So viele.

Ich hätte es ahnen müssen.
Meistens entspannt mich das Kiffen.
Aber manchmal, wenn ich sowieso schon aufgewühlt bin, passiert etwas anderes: Die schlechten Erinnerungen steigen wieder in mir auf. Und mit ihnen die ganzen furchtbaren Gefühle. Alles ist so plastisch in meinem Kopf, als würde es gerade jetzt passieren. Ich kann es nicht abschalten. Ich kann nicht entkommen.

Ich muss meine Heimat in Frankreich verlassen, weil meine Mutter es so will.
Sie hat diesen Deutschen kennengelernt, eine stinkreiche Kartoffel. Er will, dass wir zu ihm ziehen. Natürlich will meine Mutter das auch. Sie würde sich ein Bein abschneiden, um aus ihrem verhassten Putzfrauenjob und der winzigen Hochhauswohnung zu entkommen. Jeden Tag beschwert sie sich darüber, wie schlimm alles ist. Und wie schwer ich es ihr mache.
Es ist wie ein Lottogewinn, dass sie diese Kartoffel getroffen hat. Sie trägt bereits seinen Ring und die teuren Klamotten, die er ihr geschenkt hat, als sie mir stolz mitteilt, dass wir hier jetzt endlich verschwinden können. In ein besseres Leben. Und das möglichst schnell.
Ich verstehe es nicht.
Ich soll Loic und Manon im Stich lassen? Zum ersten Mal werde ich akzeptiert, geliebt, geküsst, gestreichelt. Das alles wird jetzt nicht mehr sein?
- Nein, sage ich. Ich komme nicht mit.
- Doch, sagt sie. Du musst. Du kannst noch nicht alleine leben.
- Kann ich, sage ich. Du kannst mich nicht zwingen.
- Doch. Kann ich. Ihr Gesicht ist wieder diese gefühllose Maske. Der ganze Glanz der teuren Schmuckstücke verpufft an ihrem grauen Plastikgesicht.
Ich zeige ihr, was ich davon halte.
Schreiend verwüste ich die Küche. Sie schreit auch: - Hör auf! Hör auf! Aber ich denke nicht daran.
Ich werfe so lange Geschirr nach ihr, bis sie heulend und zitternd in der Ecke auf dem Boden sitzt. Jetzt schmilzt ihr Plastikgesicht. Das geschieht ihr recht.
Schon wieder verrät sie mich.
Das ist keine Mutter. Das ist eine böse Hexe, die sich von meinen Tränen ernährt.

In mein Zimmer habe ich mich verkrochen. Ich will jetzt allein sein und darüber nachdenken, wie ich diesem Schicksal entkommen kann. Die ganze Zeit starre ich auf das offene Fenster. Nein, denke ich. Das ist zu weit oben. Wenn ich dort runter springe, wird mein Körper zerbrechen. Vielleicht wird mein Kopf zerschmettert, und mein Gesicht. Ich will aber auch als Leiche schön sein.

Ich reiße die Augen auf. Mein Herz klopft wie wild.
Die Sterne flackern über mir.
- Ich will aber auch als Leiche schön sein. Ich weiß, das hört sich völlig verrückt an. Aber das ist genau das, was ich damals dachte. Alle fanden mich schön. Dafür wurde ich bewundert. Andere hatten das nicht. Das machte mich besonders.
Aber letzten Endes hat es mich nicht gerettet.
Ich schließe die Augen wieder. Die Sterne brennen zu grell in meinen Augen.

Was weiß ich, wie viele Stunden ich aus dem Fenster gestarrt habe.
Auf einmal steht der Kartoffelmann hinter mir in meinem Zimmer.
Er baut sich vor mir auf, präsentiert mir, was er hat. Oder was er glaubt zu haben. Mir fällt nur auf, dass sein Reichtum ihn fett gemacht hat. Er hat stechend helle Augen und ein paar graue Stellen im Bart.
- Ich werde mir nicht die Mühe machen, französisch zu sprechen. Ich weiß, dass du mich verstehst, sagt er.
Das tue ich tatsächlich. Meine Mutter hat deutsche Vorfahren. Immer wenn sie sauer ist, schreit sie mich in dieser hässlichen Kartoffelsprache an. Ich hasse diese Sprache. Noch nie hat jemand damit schöne Dinge zu mir gesagt.
- Leider hat deine Mutter bei deiner Erziehung versagt, spricht der Kartoffelmann weiter. Aber jetzt bin ich da, um ihr zu helfen.
Warum redet dieser Typ so mit mir?
- Ich sage das nur ein einziges Mal, droht er mir weiter. Seine Augen stechen auf mich ein. Wenn du noch einmal so respektlos mit deiner Mutter umgehst, oder mit mir, er zeigt erst mit dem Finger auf sich, dann auf mich, werde ich dir Respekt beibringen. Hast du verstanden?
Er ist doch nicht mein Vater, sondern bloß eine der Witzfiguren, mit denen meine Mutter nur vögelt, weil sie Geld haben. Geld hat er, das sehe ich an seinem Anzug. Und an der protzigen Uhr, die er um seinen haarigen Arm trägt. Aber sonst hat er nichts.
Jetzt steht er hier in unserer winzigen Wohnung in einem heruntergekommenen Hochhaus, wo es im Treppenhaus nach Pisse stinkt und der Fahrstuhl nie funktioniert. Wie hat sie es angestellt, dass dieser eingebildete Typ sich hier hin stellt und seinen Reichtum präsentiert? Er wirkt so fehl am Platz. Ich habe weder Lust, sein Freund zu sein, noch mir von ihm irgendwas über Respekt erzählen zu lassen.
- Je suis désolé. Je ne t'ai pas entendu, sage ich.
Er holt aus und schlägt mir mitten ins Gesicht.
Kurz wartet er. Dann nutzt er meine Schockstarre aus und schlägt ein zweites Mal zu.
Noch nie im meinem Leben hat mir etwas so weh getan. Es fühlt sich an wie Feuer. Mein Gesicht verbrennt. Noch schlimmer als der Schmerz brennen die Tränen, die mir in die Augen steigen.
- Damit du siehst, dass ich das ernst meine, höre ich ihn sagen. Durch den Tränenschleier kann ich nichts mehr sehen. In Zukunft wirst du nur noch Deutsch mit mir sprechen. Ich will diese verdorbene Sprache in meinem Haus nicht hören.

Die flackernden Sterne schwirren vor meinen Augen.
Gerade bin ich nicht in der Lage mich zu bewegen. Ich liege betäubt da. Wie eine Leiche.
Wenigstens eine schöne Leiche.
Doch ich bin nicht tot. Sie haben mich nicht bezwungen. Fast hätten sie es geschafft.
Aber sie haben mich unterschätzt. Ich kann stark sein.

Sie zwingen mich, meine Liebsten zu verlassen. Sie verschleppen mich. Weit weg in eine fremde Stadt, wo alle in diesen hässlichen harten Worten sprechen und niemand mich liebt.
Ich mache es ihm schwer. Ich sorge dafür, dass er richtig Arbeit mit mir hat. Er wird nicht fertig damit, mich mit Schlägen zu erziehen. Ich zerstöre seine teure Einrichtung, trinke seinen wertvollen Weinvorrat aus und kotze danach den edlen Teppich voll. Ich haue ab und bleibe nächtelang weg. Ich will wieder nach Hause. Dorthin, wo man mich liebt. Aber ich komme nirgendwo an. Die Polizei sammelt mich auf und bringt mich wieder zurück. Immer wieder.
Seine Hände sind ganz wund, so oft wie er mich prügeln muss. Mir tut es schon nicht mehr weh. Ich habe gelernt, meinen Schmerz zu verstecken. Und meine Wunden verberge ich unter meiner Kleidung. Meine Mutter tut so, als hat sie nichts damit zu tun. Sie überlässt mich ihm ganz alleine. Keine Sekunde denkt sie daran, mir zu helfen. Sie hat ja jetzt, was sie will.

Das High geht vorüber.
Die Schwerkraft drückt mich wieder auf den Liegestuhl. Tränen laufen meine Wangen herunter. Das habe ich vorher gar nicht bemerkt.
Plötzlich drängt die Angst wie wild gegen meine Brust. Wie ein Fels liegt sie schwer auf meinem Oberkörper und hindert mich am Aufstehen.
Kein Grund zur Aufregung, hat er gesagt.
Was würde passieren, wenn Marc erziehen will? Würde Jolina Leo ihm überlassen?
Ich kann nicht immer bei ihm sein.
- Hau ab! Verschwinde!, sage ich zu Marc, auch wenn er es gerade nicht hören kann.
- Hau ab! Verschwinde!, sage ich zu meiner Angst.
Beide sind unbeeindruckt und bleiben da, wo sie sind.
Aber ich muss unbedingt verhindern, dass Leo dasselbe passiert wie mir.