Pt. 2 – Fast Forward: Marijan

- Ciao! Bis morgen!
Schnattchen verabschiedet sich gerade. Umständlich klemmt sie sich noch die Mülltüten unter den Arm. - Mach nicht mehr so lange, ja!
- Aye, aye, Chefin!, sage ich.
- ...und schlaf dich morgen bitte aus!, ruft sie auf dem halben Weg nach draußen. Du kriegst ernsthaft Ärger mit mir, wenn du wieder so müde in der Küche hängst wie heute.
Ich lächle nachsichtig in mich hinein. Wieder völlig übertrieben. Ich bin nicht halb so müde, wie ich aussehe, und im Schlaf löst man keine Probleme. Wäre ich heute hier mit alldem, wenn ich immer abends früher und morgens länger geschlafen hätte? Wer würde das dann alles machen?
Ich schaue auf die Uhr: 20 Minuten nach Mitternacht. Ein bisschen spülen kann ich gleich noch, bevor ich nach Hause gehe. Beim Ausräumen der Kasse fällt mir Kittys Bierdeckel auf, der hier schon seit einigen Monaten unangetastet hängt. Mich überfällt sofort ein schlechtes Gewissen, weil ich mich schon wieder seit über einer Woche nicht nach ihr und dem Baby erkundigt habe. Mir wird ein wenig schwindelig. Es ist alles zu viel, denke ich kurz und kämpfe fünf Sekunden gegen den Drang an, mich hinzusetzen.
Dann nehme ich mir vor, sie gleich morgen anzurufen. Ich habe eigentlich keine Lust, sie zu sehen, weil ich die Anschuldigungen in ihrer Stimme und die Vorwürfe in ihrem Blick nicht ertrage. Sie wird sowieso wieder nur die Hand aufhalten: Hast du das Geld?
Wie beim letzten Mal wird sie mir wieder erlauben, die Kleine für fünf Minuten zu halten, während sie mit prüfendem Blick daneben steht. Kleine Luise. Sie schaute mich mit großen Augen an. Eins ist blau, das andere goldbraun. Offensichtlich gehört sie zu mir. Aber irgendwie auch nicht. Ich bin immer nur Vater auf Zeit. Für fünf Minuten.
Gut. Dann hat das Schicksal eben andere Aufgaben für mich vorgesehen. Man kann nicht alles haben. Es passt sowieso nicht hier rein. Mehr als fünf Minuten habe ich doch gar nicht...
Kann sie eigentlich eine gute Mutter sein?
- Mann!, verfluche ich meine Zweifel laut und schlage mit der Hand auf Tresen.
Los! Jetzt die Gläser einsammeln!

Ich schaue gerade draußen nach, ob dort noch etwas steht, als ich ein paar Meter von mir entfernt eine große Gestalt im Dunkeln stehen sehe. Kurz bin ich völlig starr vor Schreck, habe das Gefühl, keine Luft zu kriegen. Dann fange ich mich wieder.
- Hey! Wer ist da?, rufe ich mit möglichst fester Stimme.
Die massige Gestalt macht ein paar Schritte auf mich zu, bis das spärliche Licht auf sie fällt.
Scheiße! Es ist Marc.
Keine Angst zeigen, denke ich. Ich habe Angst.
Seine Arme haben den doppelten Umfang von meinen. Ich habe keine Chance, wenn er es ernst meint. Scheinbar hat er bemerkt, dass mir der Schweiß ausbricht und weidet sich daran.
- Hey, Ray! Du siehst ja aus, als würdest du dir gleich in die Hose machen, grinst er mit heiserer Stimme. Er hat getrunken. - Was ist los mit dir?
Ja, was ist los mit mir? Ich erinnere mich daran, dass mich diese Arme schon einmal fest im Griff hatten. An das Gefühl absoluter Hilflosigkeit. An Schmerzen. Und an Titus, der blutend am Boden lag.
Ich suche in meinen Hosentaschen nach etwas, mit dem ich mich wehren könnte, finde aber nur mein Asthmaspray. Na wenigstens muss ich nicht daran sterben, denke ich in einem Anflug bitterer Ironie. Dann nehme ich meinen Mut zusammen.
- Du weißt, dass du hier nicht herkommen sollst, versuche ich möglichst cool zu klingen.
- Aber ich will doch nur vernünftig mit dir reden, Ray. Das letzte Mal hatten wir gar keine Zeit dafür.
- Ich will aber nicht mit dir reden, Marc. Wir haben nichts mehr zu besprechen.
- Ich schwöre dir, ich habe mich geändert, erklärt er reumütig und streckt mir seine riesigen Arme in einer bittenden Geste entgegen.
Ich schrecke unweigerlich zurück.
- Zum letzten Mal: Hau jetzt ab oder ich rufe die Bullen. Ich fange an, nach meinem Handy zu wühlen.
Sein Gesicht verdunkelt sich, seine Stimme ebenso.
- Schau dich an, wie erbärmlich du bist, Ray! Du pisst dir hier ein, obwohl ich nur mit dir reden will. Ohne deine Bodyguards bist du nichts.
Ich habe das Handy gefunden.
- Scheiße!, ruft er plötzlich laut aus. Und jetzt willst du auch noch die Bullen rufen? Schau dich doch mal an, was du für ein Ratte bist!
Ich halte ihm mit wild klopfendem Herzen das Handy entgegen, auf dem ich schon den Notruf vorgewählt habe.
Er reißt die Arme nach oben.
- Okay, okay, okay…, wiederholt er sich selbst beruhigend. Dann lass dich jetzt halt alleine mit deiner nassen Hose. Aber denk noch einmal drüber nach….
Dann dreht er sich um und verschwindet wieder in der Dunkelheit.
Eine halbe Ewigkeit stehe ich noch kurzatmig, mit rasendem Herz und dem Handy in der Hand da und versuche, mich zu beruhigen. Vielleicht kommt er zurück, denke ich. Und mit viel Unbehagen: Er hat mir aufgelauert. Er hat gewartet, bis alle weg waren. Und er wollte mir Angst machen. Was tut er als Nächstes?
Irgendwann löse ich mich aus der Starre und muss mich setzen.

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