Pt. 2 – Fast Forward: Titus

Schnell die Tür zu. Jetzt ist Ruhe.

Seit zweieinhalb Stunden warte ich, dass Betty endlich nach Hause kommt, damit ich endlich an die Arbeit gehen kann. Familie gut und schön, aber unerledigte Sachen lassen mir einfach keine Ruhe. Ich weiß genau, was mich in meinem Postfach erwartet. Und dann hatte ich endlich die zündende Idee für einen Song, an dem ich schon wochenlang nicht weiterkam. Mir brannte es förmlich in den Fingern. Mein Kopf explodierte fast. Aber Julie wollte bespaßt werden. Papa dies und Papa das.
- Pass auf!, sagte ich. Papa muss jetzt mal kurz die coole Gitarre nehmen und etwas ausprobieren. Das dauert nicht lange. Mal mir doch inzwischen ein schönes Bild! Ja?
Kleine Maulerei. Dann malt sie. Ich versuche mich zu fokussieren. Kurz funktioniert es.
Dann reißt sie mir die Kopfhörer runter.
-Papa! Ich kann kein Pferd malen. Kannst du das machen?
Ich maule und versuche, ein Pferd zu malen. Es sieht aus ein bisschen aus wie ein Esel. Der von einem Panzer überfahren wurde. Julie schaut skeptisch. Dann hat sie eine Idee: - Machst du mir Pfannkuchen? Ich will jetzt Pfannkuchen. Meine Kopfhaut fängt an zu kribbeln. Kinder können so unkooperativ sein.
Während ich im Vorratsschrank nach einer Alternative für die Pfannkuchen krame, höre ich, wie sich die edle Frucht meiner Lenden an meiner Gitarre zu schaffen macht. Nicht die schwarze ESP!, denke ich in voller Panik und renne in mein Zimmer. Das Kind hat einfach vor gar nichts Respekt. Da sieht man mal, wo diese ganze Laissez-faire-Geschichte hinführt.
Gleich darauf folgt die große Erleichterung. Betty ist an der Tür. Ich schiebe ihr Julie aus meinem Zimmer entgegen. Meine Frau wirft sich gerade freihändig die Schuhe von den Füßen. Das ist merkwürdig sexy. Sie sieht mich etwas erschöpft an. Bevor sie irgendetwas sagen kann, was mich von meinem Vorhaben abhalten könnte, komme ich ihr zuvor.
- Gut, dass du da bist!, sage ich und untermale die Wichtigkeit meines Anliegens mit ausladenden Gesten. Ich habe noch echt viel zu tun. Und schon beinahe im Umdrehen: - Bin dann mal in meinem Zimmer.
- Hallo Schatz! Wie war dein Tag?, sagt sie und küsst in die Luft.
- Hallo Schatz! Wie war dein Tag? Ich beuge mich zu ihr herunter und gebe ihr einen schnellen Kuss.
- Das willst du doch gar nicht wissen. Neben der Resignation schimmert doch noch ein wenig Hoffnung in ihrem Tonfall.
- Jetzt nicht. Später, beschwichtige ich und ergreife endgültig die Flucht.
- Titus!, höre ich sie noch aus der Küche rufen.
- Nein!
- Ich habe einige Fragen zum Zustand der Küche. Mist! Da war ja noch was.
- Später, rufe ich zurück.
Ich höre Julie noch nach Pfannkuchen quengeln. Schnell schließe ich die Tür.

Ich atme tief durch. Dann setze ich mich an mein Notebook. Erstmal die Mails checken. Wie ich schon vermutet habe, läuft das Postfach über. Ich kümmere mich um die ganze Kommunikation, doch bei dem, was hier ständig anliegt, komme ich nicht jeden Tag dazu. Kurz überfliege ich alles, um mir einen Überblick zu verschaffen: Werbung, Werbung, Neuigkeiten vom Label, Interviewanfragen, Infos vom Management, Fanpost, Anti-Fanpost, noch mehr Werbung...und dann eine Mail, bei der ich erst nicht glauben kann, dass sie tatsächlich existiert. Ich schaue weg und noch einmal hin. Vielleicht habe ich mich nur getäuscht, und es gibt sie gar nicht wirklich. Doch sie ist immer noch da.
Der Absender ist Marc B.
Im Betreff steht: DRINGEND!
- Soll das ein Witz sein?, denke ich laut.
Eine halbe Ewigkeit sitze ich vor dem Bildschirm und überlege, ob ich dieses unmögliche Ding einfach ungelesen löschen soll. Das wäre wohl am vernünftigsten. Aber was, verdammt noch mal in aller Welt, ist so dringend, dass Marc sich an einen Rechner setzt und eine Mail an mich schreibt? Und warum, zum Geier, kann er das? Sollte er nicht gerade in der JVA verschimmeln? Kurz rechne ich nach. Scheiße, wie die Zeit vergeht!
Ich weiß, ich sollte das nicht öffnen, und wahrscheinlich wird eine Bombe explodieren, wenn ich es tue. Aber Hallelujah! Was für ein Tod! Noch richtig Fame für den Abgang.
Ich klicke jetzt einfach drauf. Mein Herz holpert ein wenig. Verdammt, Marc, du blödes Arschloch! Warum hast du mich schon wieder?
Mein Blick fällt auf einen bunten Versalien-Satzzeichen-Salat. Faszinierend, wie ein elektronisches Schriftstück eine Persönlichkeit widerspiegeln kann. Während ich lese, kann ich förmlich hören, wie er mit laut krächzender Stimme auf mich einredet.

HE TITUS!
LEBST DU NOCH??? HAHAHA
DU HAST DEINE NUMMER GEWECHSELT, DESWEGEN MUSS ICH DIR SO SCHREIBEN.
ICH MUSS DRINGEND MIT DIR REDEN!!!
ODER MIT EUCH. TJ, RAY UND DIE KLEINE – NAME HAB ICH VERGESSEN – SOLLEN AUCH DABEI SEIN. ES IST WICHTIG!!!
ICH WILL ALLES INS REINE BRINGEN!!
RUF MICH BITTE AN!!! 01605534900
MARC

PS: ES TUT MIR ALLES SEHR LEID!!!!

Ich reibe mir die Augen. Das ist anstrengend in Form und Inhalt. Kurze Erinnerungsfetzen flackern vor mir auf: Marc mit vor Wut verzerrtem Gesicht. Ein harter Schlag an meinen Kopf. Der Geschmack von Blut. Marc ausdruckslos bei der Gerichtsverhandlung. Aber auch diese Szene vor vielen Jahren. Wir waren 16. Marc mit dem Klappmesser in der Hand. Erst schneidet er in seine Handfläche, dann in meine. Wir schließen Blutsbruderschaft. Du bist für immer mein Bruder. Meine Mutter war fassungslos: - Der Umgang mit diesem Jungen ist nicht gut für dich, sagte sie. Ich hasse es, wenn meine Mutter recht hat.

Ich schließe die Augen. Eigentlich weiß ich, was zu tun ist. Löschen und vergessen. Aber der neugierige kleine Schweinehund in mir will einfach wissen, was er zu sagen hat. Während ich seine Nummer in mein Handy tippe, bin ich sicher, dass Marc genau wusste, dass sein Plan funktioniert. Ray wird mich dafür hassen.

>> Pt.2 Fast Forward: Tom Julian