Pt. 2 – Fast Forward: Tom Julian

- Seid ihr noch ganz dicht?
Natürlich erwartet sie darauf keine Antwort. Das Urteil ist längst gefällt.
- Sag doch auch mal was, Tom! Nein! Jetzt spricht sie mich an. - Findest du es auch eine gute Idee, sich mit einem Schwerverbrecher zum Kaffeeklatsch zu treffen?
Was soll ich sagen?
Ich ziehe ratlos die Schultern hoch.
- Keine Ahnung!, halte ich im Moment für die plausibelste Antwort. Vielleicht?
- Vielleicht, regt sie sich auf, bekommt ihr auch gerne auf die Fresse gehauen und haltet dann noch die andere Seite hin.
In Wirklichkeit ist Sanna gar keine Frau, sondern eine Naturgewalt. Vor allem, wenn sie etwas in Rage versetzt. Das passiert ziemlich schnell und vor allem laut. Und es dauert meistens sehr lange.
Sie wedelt beim Schimpfen mit dem Ausdruck einer Mail herum. Titus hat sie mitgebracht. Sie ist von Marc. Mich stört das flatternde Geräusch, das das Papier beim Wedeln macht.
- Was ist das überhaupt für ein Schreibdurchfall?, schimpft Sanna gerade und wedelt dabei noch heftiger mit dem Stück Papier. Für den Wichser bin ich also nur die Kleine „Name hab ich vergessen“? Sie imitiert Marcs Tonfall dabei täuschend echt. Titus, TJ, Ray und Unwichtig also? Die drei tollen Kerle und die nicht erwähnenswerte Olle? Vielleicht sollten wir die Band gleich so nennen?
- Vielleicht aber auch ... „6 Eier und ein Uterus“?, schlägt Ray vor.
- Oder „Pimmeltrio mit Katze“?, wirft Titus ein.
Allgemeines Gelächter. Sannas Katzenaugen werden ganz schmal. Gleich wird sie angreifen.
- Oder „3 Musiker und eine Bassistin“?, versucht Titus es nochmal, ein verschämtes Grinsen in Erwartung ihrer Reaktion im Gesicht.
- Boah! Ihr seid echt wahnsinnig witzig. Sie schüttelt unaufhörlich ihre dunklen Locken hin und her. Der Ausdruck purer Verzweiflung.
Das muss doch zermürbend sein, wenn man sich zwischen drei erwachsenen Männern wiederfindet, die einen nicht ernst nehmen und statt sich selbst zu reflektieren, nur pubertäre Witze reißen. Ich spüre ein schlechtes Gewissen. Ist das eigentlich schon sexistisch?
Ich würde mich ja gerne auf ihre Seite schlagen, habe aber keine Argumente. Mit Marc habe ich nichts zu besprechen, aber wenn Titus mit ihm reden will, werde ich mich nicht dagegen stellen. Wir agieren als Band immer zusammen. Ist einer in Schwierigkeiten, stehen die anderen ihm bei. So ist es bisher immer gewesen. Oder meistens.
- Das ist so typisch, dass du jetzt wieder lieber alberne Witze reißt, statt deinen eigenen Egotrip zu hinterfragen, schimpft Sanna in Titus' Richtung weiter. Und du, sie wirft ihren glühenden Lavablick zu Ray, machst diesen Scheiß auch noch mit. Dabei müsstet ihr es doch beide besser wissen...
Ray kratzt sich nervös am Kopf. Titus grinst weiter verschämt in sich hinein.
Wie so oft in solchen Situationen klinke ich mich an dieser Stelle aus, indem ich im Kopf alle Metallica-Alben from Worst to Best sortiere: „St.Anger“ zuerst. Ich kann mich nicht entscheiden, ob ich mit „Load“ oder „Reload“ weitermache. Titus sucht kurz Blickkontakt zu mir. Er liest meine Gedanken und ruft: „S&M!“.
- Argument!, nicke ich.
Ray stützt das Gesicht in die Hand und seufzt tief.
- Was?, meckert Sanna. Ist das jetzt echt von Bedeutung?
Sie wedelt mit den Armen. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie gleich abheben.
- Das ist doch alles total überbewertet, schmettert sie noch hinzu. Und das neue Album ist echt langweilig.
- Buuuh!, macht Titus.
- Aber… , will ich ansetzen, werde aber von ihrem eskalierenden Redeschwall in die Schranken verwiesen.
- Jetzt hört doch endlich mal auf, so kindisch zu sein! Habt ihr wirklich vergessen, zu was dieser Typ fähig ist? Also ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Die Erinnerung an Marcs Amoklauf im Proberaum scheint sie einzuholen. Ihre Stimme klingt nicht mehr ganz so fest wie vorher.
Sie schaut zu Ray. - Bock auf ein Schädel-Hirn-Trauma?
Und dann zu Titus. - Oder zwei gebrochene Hände?
Zuletzt zu mir. - Vielleicht ein gebrochenes Genick? Ihr Blick durchbohrt mich.
- Hör doch mal auf!, fordert Ray.
Sanna wartet.
Titus seufzt: - Sorry...ich kann nicht anders.
Das lässt sie einen Moment wirken.
- Macht, was ihr wollt! Aber ohne mich!
Sie packt ihren Kram und will abhauen.
- Ich werde euch auch nicht im Krankenhaus besuchen, meint sie noch mit gespielter Coolness.
Die Tür knallt zu.
Gleich darauf reißt sie sie wieder auf
- Und sagt nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!

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