
Titus, Tom Julian, David, Marijan und sein Bruder Silvan haben eins gemeinsam: Sie sind im besten Sturm-und-Drang-Alter und werden dieser Phase absolut gerecht. Doch sie sind auch sehr unterschiedlich in Herkunft und Charakter, in ihren Lebensumständen, Träumen und Zielen. Während die einen mit typischen Teenager-Problemen wie Liebeskummer oder der Emanzipation vom Elternhaus beschäftigt sind, kämpfen andere mit viel schwer wiegenderen Problemen, bei denen es am Ende gar ums pure Überleben geht. Trotz ihrer Unterschiedlichkeit besteht und entsteht zwischen ihnen eine tiefe Verbindung, wahre Freundschaft und vielleicht sogar noch mehr.
Die fünf Protagonisten wollen den Leser dabei immer hautnah und direkt auf ihrer Seite wissen und erzählen deshalb abwechselnd aus der Ich-Perspektive ihre eigene und die gemeinsame Geschichte.
LIES DICH REIN!
Intro: Tom Julian (Auszug aus „Nebelleuchten“)
Ich habe die Gabe, mich unsichtbar zu machen.
Das ist eine meiner Superkräfte.
Vom Fußweg flüchte ich in die Hecke. Zweige und Blätter nehmen mich in ihre schützenden Arme. Kaum bin ich in sie eingetaucht, werden wir eins. Ich verschmelze mit ihnen wie der Predator. Ich kann alles sehen, aber man sieht mich nicht.
Wahrscheinlich werde ich wieder zu spät kommen, wenn ich den Umweg durch das Grünzeug nehme. Aber dieser Weg scheint mir sicherer. Keiner, der mich sieht. Keiner, der mich anspricht. Während ich durch das Gebüsch streife, mache ich mir Gedanken darüber, wie ich die große Pause überleben werde. (…)
Intro: Titus (Auszug aus „Nebelleuchten“)
Dong!
Der Schläger knallt gegen das Blech und hinterlässt dort eine ansehnliche Delle.
„Was war das denn? Willst du die Karre etwa streicheln?“
Marc reißt mir den Baseballschläger aus der Hand und haut selbst gegen die Autotür. Es steckt so viel mehr Wucht in seinem Schlag. Die Delle ist gewaltig. Noch zweimal schlägt er auf die Motorhaube.
„Zerstörungswut! Zerstörungswut! So macht man das.“
Er grinst mich zufrieden an und hält mir den Schläger entgegen.
„Der nächste ist wieder deiner.“ Er zeigt auf einen niegelnagelneu aussehenden schwarzen Mercedes auf der anderen Straßenseite.
Mir rutscht das Herz in die Hose. Als ich davor stehe, erkenne mein zitterndes Spiegelbild in den dunklen Scheiben.
Mit schwitzenden Händen umklammere ich den Schläger. (…)
Intro: Marijan (Auszug aus „Nebelleuchten“)
Zwei zum Preis von einer?
Das Angebot nehme ich nicht an.
So war das nicht geplant.
„Das ist Isa.“ Melikes kirschroter Schmollmund leuchtet im Schein der Taschenlampe. Ihre nicht weniger hübsche Freundin hat die gleichen roten Lippen. Sie kaut mit viel Energie auf einem Kaugummi herum. „Du hast doch nichts dagegen?“
Soll ich mich jetzt etwa entscheiden?
Eigentlich dachte ich an ein entspanntes Treffen zu zweit. Hier am Pärchenplatz zwischen den Garagen und dem rostigen Klettergerüst, an dem die Schaukel schon seit Jahren nur an einem Seil hängt. Wir hätten das Dope geraucht, das ich in der Tasche habe, dann ein bisschen rumgemacht. Nicht zu wild und zu nackt, damit wir uns an den Holzpaletten keinen Splitter einziehen.
„Sie will auch mal probieren.“
Melike argumentiert mit ihrem umwerfenden Augenaufschlag. Isa zieht wimpernklimpernd den Kaugummi zwischen ihren glänzenden Lippen hervor.
Na, toll! Ich bin doch kein gemeinnütziger Verein, der den Stoff an 15jährige Mädchen verschenkt, die auch mal probieren wollen. (…)
Intro: Silvan (Auszug aus „Nebelleuchten“)
Das ist der beste Sprint meines Lebens.
Ich stelle mir einfach vor, dass der Ball sein Kopf ist.
Das gibt dem Kick richtig Energie.
BÄM! Und rein in die Juri-Fresse!
So einen Tritt hat dieser Loser-Verein noch nie gesehen.
Der Ball donnert volle Kanone gegen die Latte, von dort direkt an die hässliche Eierbirne von Toni, der völlig überwältigt aus der Wäsche glotzt, weil das das erste Mal war, dass er überhaupt gehalten hat.
Ich reiße die Arme nach oben und jubele.
„Hallo! Position!„, brüllt Heiner von der Rasenkante.
„Zu dumm zum Abspielen?“ Juris Stimme pitcht lächerlich nach oben, weil er erst halb durch den Stimmbruch ist. „Scheißhomo!“
Ich laufe eine elegante Schleife und halte direkt auf ihn zu.
Jetzt ist mir der Ball scheißegal. (…)
Intro: David (Auszug aus „Nebelleuchten“)
Ich will einfach weg.
Nur weg von hier.
Wieder nach Hause.
Irgendwie habe es geschafft abzuhauen, bevor sie mich wieder einsperren konnte.
Nur die wichtigsten Dinge habe ich eingepackt. Dinge, ohne die ich nicht leben kann.
Das Skizzenbuch und die Stifte. Messer und Nadel. Zigaretten. Das Shirt von Manon. Es riecht noch nach ihr. Ich habe es in eine Plastiktüte gepackt, damit ihr Duft nicht verschwindet. Die Hundemarke von Loïc. Ich trage sie immer um meinen Hals. Ganz nah an meinem Herzen. Ein L steht darauf.
Auf seiner steht ein D.
Bring mich weg von hier!
Bring mich zu dir! (…)
(C) für alle Texte: Arthur Yves Klein
