Pt. 1 – Rewind: David VI

Wir hatten seit Tagen das Bett nicht verlassen.
Es gab auch gar keinen Grund dafür.
Der ganze Müll von den Sachen, die wir gegessen und getrunken hatten, stapelte sich vor dem Bett. Der Aschenbecher quoll über. Die Laken rochen nach der verstreuten Asche, nach dem, was wir verschüttet hatten und nach unserem Schweiß. Aber das war uns egal.
Wir taten nichts anderes, als nackt im Bett zu liegen und uns aneinander zu erfreuen. Es war uns genug, einfach nur zusammen zu sein.
Ich drehte mir im Liegen eine Zigarette. Der Tabak krümelte auf meine Brust. Er lag mit geschlossenen Augen neben mir. Der gleichmäßige Rhythmus seines Atems streichelte meine Seele. Keine Ahnung, wie spät es war. Draußen war es hell, also musste es Tag sein. Das spielte aber keine Rolle. Die Geräusche von der Straße waren nur gedämpft zu hören. So fremd und fern.
Ich drehte mich zu ihm, atmete seinen Duft ein und steckte ihm die fertige Zigarette zwischen die Lippen. Er grinste, ohne die Augen zu öffnen. Dieses Grinsen. Damit kann er mich einwickeln. Sein ernstes Gesicht ist immer so abweisend. Das Grinsen öffnet aber alles. Es öffnet nicht nur sein Gesicht, sondern ist auch der Schlüssel zu meinem Herzen.
Er öffnete seine Augen. Ein wenig seltsam sind sie. Erschreckend und verführerisch zugleich. Je nachdem, wie das Licht fällt, sind sie dunkle Abgründe, oder aber sie leuchten goldbraun. So wie der Bernstein, den ich mal an einem Strand gefunden habe. Ich hielt ihn gegen die Sonne, und das Licht strahlte hindurch. So warm und schön.
Ich gab ihm Feuer. Er funkelte mich bernsteinfarben an. Dann zog er mich zu sich und blies mir den eingeatmeten Rauch direkt in meinen Mund. Ich blieb an seinen Lippen hängen, so dass der Rauch nur noch durch unsere Nasenlöcher hinaus konnte.
Er lachte.
- Du weißt, dass man davon Gehirnschwund bekommt.
- Du hast doch gar kein Gehirn, das verschwinden könnte, stichelte ich ihn.
Er langte mit der Hand nach meinem Gesicht. Ich fing sie ab, bevor sie mich traf und küsste jeden einzelnen Finger. Er grinste wieder sein unwiderstehliches Grinsen.
- Weißt du, was ich mir allermeisten auf der Welt wünsche?, schnurrte er dann. Womit ich einfach nur vollendet glücklich wäre?
Ich merkte, dass mein Herz anfing, schnell zu schlagen. Eine schöne Gänsehaut breitete sich von meinen Armen bis hoch zu meinem Nacken aus. Körperliche Liebe bedeutet für mich Leben. Aber mit schönen Worten kann man mich wirklich tief im Herzen berühren. Ich hungere nach Liebesworten. Ich hatte das Gefühl, jetzt war der Zeitpunkt, an dem er mir etwas Wunderbares sagen würde. Etwas, nach dem ich mich schon so lange sehnte. Schon viele Jahre lang. Ich spürte einen leichten Druck hinter den Augen.
Ich schmiegte mein Gesicht an seines.
- Sag es mir!, flüsterte ich in sein Ohr.
- Pizza, flüsterte er zurück.
Mein Herz blieb beinahe stehen. Ich schaute ihn entsetzt an.
- Pizza?
- Ja, mit extra viel Käse, grinste er.
Auf einmal widerte mich sein Grinsen an. Genauso gut hätte er mir mit voller Wucht ins Gesicht schlagen können. Ich drehte mich von ihm weg auf den Rücken und wünschte mir zu sterben.
Er setzte sich auf. Seine Augen waren dunkle Abgründe.
- Was ist?, fragte er. Bestellst du sie?
- Bestell sie selber!, fauchte ich ihn an.
- Dave?
Ich wollte ihn wirklich anschreien. Was machen wir hier eigentlich die ganze Zeit?, wollte ich ihm entgegen brüllen. Wozu das Ganze? Stattdessen sagte ich wieder nur etwas Dummes: - Du magst Pizza mehr als mich.
Dann befreite ich mich aus diesem Bett. Ich quälte mich aus den schmutzigen Laken. Ich wühlte mich durch den ganzen Müll, suchte umständlich meine verstreuten Klamotten zusammen und zog mir nach langer Zeit mal wieder etwas an. Dabei liefen mir die Tränen das Gesicht herunter.
- Alter!, meinte er hinter meinem Rücken. Du hast definitiv schon Gehirnschwund.
Ein letztes Mal ließ ich das an mir abprallen. Ich verließ ihn. Sollte er doch in seinem Dreck und Elend allein bleiben.

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