Pt. 1 – Rewind: Marijan II

Das Handy macht Plopp. Mal wieder.
Das geht schon eine halbe Stunde so im Fünfminutentakt.
Plopp...plopp...plopp.
Bisher hatte ich noch keinen Nerv, danach zu schauen, weil ich gerade damit beschäftigt bin, meinen Papierkram zu erledigen. Mein Versuch, mich auf die ganzen Zahlen und Worte zu konzentrieren, droht aber jetzt kläglich zu scheitern.
Plopp.
Verdammt! Jetzt habt ihr mich.
Die letzte Nachricht ist von Sanna.
- Hey! Alles Gute, Papa! Dahinter irgendein Smilie, der mir sagen soll, dass ihre Glückwünsche eigentlich reiner Sarkasmus sind.
Warum weiß sie etwas, das ich nicht weiß?
Der ganze Messenger ist voller Nachrichten.
- Hat genau die gleiche Hackfresse wie du, schreibt mein Bruder.
Titus schickt nur ein Ausrufezeichen.
Ich ahne bereits, was passiert sein muss. Ein Blick in die Chatgruppe gibt mir recht. Dort hat sie die frohe Botschaft verkündet. An mich persönlich hat sie nichts geschrieben. Alle wissen es also schon, bevor ich es weiß.
Ich versuche den Impuls zu unterdrücken, den ganzen Kram, der vor mir liegt, einfach vom Tisch zu fegen. Sie führt mich vor, denke ich. Sie stellt mich bloß. Eigentlich hat sie für den ganzen Scheiß, den sie hier abzieht, eine Ohrfeige verdient. Wie schäbig, mich mit dem Kind zu erpressen. Das ist der reine Psychoterror. Warum habe ich mich damals auf sie eingelassen? Da hatte ich gedacht, ich hätte es unter Kontrolle. Titus hat mich noch gewarnt.
Ich greife nach meinem Handy, will schon ihre Nummer wählen und sie anschreien. Gleich wird mir aber bewusst, dass ich das Drama damit nur noch ausweite. Ein paar Mal tief ein- und ausatmen, dann tippe ich, verantwortungsbewusst und vorausschauend wie ich bin:
- Danke fürs Bescheid sagen. Wie geht es dir? Bist du zuhause? Wann kann ich euch besuchen?
Das alles erinnert mich an Irina und an den Moment, als sie mir die Tür vor meiner Nase zugeschlug. Von einen Tag auf den anderen verbannte sie mich aus ihrem Leben. Und aus Blancas Leben. Ich wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Aber konnte ich deswegen nicht trotzdem ein guter Vater sein?
Plopp.
- Komm heute Abend!, lese ich von Kitty. Bin pleite. Bring mal Bargeld mit!

Als ich später bei ihr ankomme, hat sie die Kleine ganz fest an ihre Brust gedrückt, als wollte sie sie vor mir verbergen. Sie wirkt erschöpft und müde. Offensichtlich ist das alles nicht leicht, vor allem, wenn man alleine ist.
In ihrer Wohnung sieht es überraschend aufgeräumt aus. Sie hatte auch genug Zeit, sich auf den Besuch vorzubereiten. Die beiden Katzen kommen sofort und reiben sich an meinen Beinen. - Schsch, mache ich. Es juckt direkt in der Nase.
Wir setzen uns ins Wohnzimmer. Ich schaue Kitty an und bin fasziniert von dem kleinen Wesen, das da so plötzlich an ihr hängt. Es passt so gar nicht zu ihr.
- Wie geht es dir?, frage ich.
- Wie man sich halt so fühlt, wenn man gerade ein Kind raus gepresst hat. Sie schaut mich an, als müsste ich genau wissen, wie das ist. Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.
- Es gefällt mir nicht, dass du es zuerst in der Gruppe gepostet hast, statt es mir persönlich zu sagen, mache ich meinem Frust Luft.
Sie reißt erstaunt die Augen auf. Die Schauspielerin.
- Aber du bist doch auch in der Gruppe. War halt praktischer.
- Kitty…
- Was?
Ich seufze.
- Wenn du Bescheid gesagt hättest, hätte ich dich auch ins Krankenhaus begleiten können.
Ein kurzes sarkastisches Lachen.
- Du hast dich die letzten sechs Monate einen Scheißdreck für mich interessiert. Wieso sollte ich das dann wollen?
Ich weiß es nicht. Leider hat sie recht.
- Hast du das Geld?, fragt sie mit ausdruckslosem Gesicht. Sie braucht etwas zu essen.
- Sie? Du nicht?
Sie verzieht ungeduldig das Gesicht und streckt mir ihre Hand entgegen. Ich krame ein paar Scheine heraus und gebe sie ihr. Sie legt sie vor sich auf den Tisch und stellt den Aschenbecher darauf. Ich bemerke erleichtert, dass er leer ist.
- Stillst du sie nicht?, frage ich.
- Das ist meine Sache. Ihr Gesicht bleibt emotionslos.
Ich spüre einen Widerwillen. Trotzdem zucke ich die Schultern. Ob sie weiß, wie man richtig mit einem Baby umgeht?
- Ich kann dich auch anders unterstützen, biete ich an. Ich kann auch mal auf sie aufpassen, wenn du dich ausruhen willst.
- Wo willst du denn mit ihr hin?, mault Kitty. Du hast doch gar keine Wohnung. Willst du sie etwa mit in die Zora schleppen?
Ich dachte spontan eher an meine Mutter. Oder an meine Schwester, die mir gerade erst erzählt hat, dass sie keine eigenen Kinder bekommen kann.
- Und außerdem braucht ein Kind in diesem Alter ständig seine Mutter, bemerkt Kitty noch.
- Eltern, sage ich dazu.
- Eine Familie. Sie lächelt bitter.
Keins unserer Gespräche wird jemals verlaufen, ohne dass sie mir Vorwürfe macht. Das einzige, was in ihrem Kopf vorgeht, ist, wie sie es mir am besten heimzahlen kann.
- Frag doch mal deine Mutter, was sie so von eurem Vater hält!
Natürlich muss sie jetzt austeilen. Ich fühle mich nicht wohl damit, dass sie so genau über mich Bescheid weiß. Ich beschließe, ihr die kalte Schulter zu zeigen.
- So müssen wir nicht reden, Kim, sage ich. Wir müssen eigentlich überhaupt nicht reden. Ich bin nur hier, um meine Tochter zu sehen. Gibst du sie mir auch mal!
Ihre Augen werden schmal. Ihr Gesicht bleibt kühl und undurchsichtig.
- Fünf Minuten, bestimmt sie dann.
Diese Reglementierung verletzt mich. Mich packt wieder die Wut, dass sie das Kind dazu benutzt, um Macht über mich auszuüben. Aber fünf Minuten sind besser als nichts.
Ich bemerke ihren Widerstand, als sie mir das Baby in die Arme legt.
- Sei vorsichtig!
Ich bin doch kein Idiot, denke ich. Ich weiß, wie man das macht.
Doch die Zerbrechlichkeit dieses kleinen Wesens jagt mir sofort einen Schrecken ein.
Dann entdecke ich etwas, das dieses Kind ohne Zweifel als meine Tochter identifiziert. Ihre Augen. Ich fühle mich überwältigt. Ich halte einen großen Schatz, denke ich und kann die Augen gar nicht mehr abwenden.
- Hey, Luise! Irgendwas muss ich doch sagen, damit sie meine Stimme kennenlernt.
Sie scheint sich bei mir wohlzufühlen.
Aber was will ich mit ihr anfangen? Wie soll ich für sie sorgen? Will ich mein Leben für sie ändern? Das ist in jeder Hinsicht ein Verlustgeschäft.
Kitty reißt mich aus meinen Gedanken.
- Jetzt gib sie wieder her! Sie nimmt mir das Baby aus den Armen. Sofort presst sie es wieder an sich, wie etwas, das sie niemals teilen will.
Ich bin wie gelähmt. Völlig machtlos.
- Wir brauchen jetzt wieder Ruhe, meint Kitty. Das ist das Signal, dass ich ihr Revier verlassen soll. Ich raffe mich auf. Habe ich eine Wahl? Meine Nase ist sowieso schon komplett dicht von den Katzenhaaren.
- Sag bitte Bescheid, wenn ich dir helfen kann!, sage ich.
- Natürlich, meint sie und schlägt die Tür hinter mir zu.

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