Pt. 1 – Rewind: Silvan I
- Was haben Sie empfunden, als Sie die Wagentür gegen den Kopf dieses Mannes geschlagen haben?
Er blättert nochmal in seinen Zetteln.
- Zweimal haben Sie zugeschlagen? Oder?, fragt er, nachdem er nachgelesen hat, was da steht.
Ich schaue auf seine blank polierten Schuhe.
- Kann mich nicht mehr erinnern. Das ist wie verschwommen. Als hätte das ein anderer gemacht und nicht ich.
Er nickt nachdenklich und wartet.
Ich knete reumütig meine Hände.
- Hatten Sie vorher einen Streit?, will er wissen.
Ja! Was denn sonst? Und dieses Arschloch hat ihn angezettelt.
Aber so kann ich hier jetzt nicht anfangen. Lieber ganz zahm mit Dackelblick.
- Ja, aber… Ich seufze dramatisch. Ich weiß ja, dass Gewalt nicht die richtige Lösung war.
Dann seufze ich noch einmal.
- Gab es vorher schon Konflikte zwischen Ihnen beiden?, fragt er als nächstes.
Ich ziehe die Nase hoch, damit mir die Tränen in die Augen steigen. Dann nicke ich.
- Das hat mich so fertig gemacht. Ich schnaufe. Er hält mir die Taschentuchbox entgegen.
Ich lehne mit einem Handwedeln ab.
- Wissen Sie … ich wurde in der Schule gemobbt. Das hat mich einfach daran erinnert. Das ist so, … dass mich das immer noch so wütend macht. Das passiert einfach… . Eigentlich war ich gar nicht wütend auf diesen Mann, ...sondern immer noch auf die Kinder. Verstehen Sie?
Ich wische mir ein bisschen im Gesicht herum.

Der Psychotyp ist ungefähr in meinem Alter. Er hat sich herausgeputzt, als ob das hier ein weltbewegender Anlass wäre. Wahrscheinlich hat er zehnmal den gleichen Anzug im Schrank hängen, damit er sich morgens nicht entscheiden muss. Sein Charakter ist wohl so glatt gebügelt wie sein Hemd. Am Ringfinger glänzt ein goldener Ring. Schön sicher untergebracht bei Weibchen und ganz bestimmt auch Kindchen mit dem ehrenwerten Beruf des Häkchenmachers. Das muss ein Leben sein. Ich denke an den kleinen Gummi in meiner Hosentasche. Vielleicht kann ich ja auch irgendwann mal ehrenwert sein.
Jetzt sagt er nichts mehr und schreibt auf seinen Zetteln herum. Bestimmt macht er gerade schön fleißig seine Häkchen.
Wie wird seine Diagnose ausfallen?
A: Selbstgefälliges Arschloch?
B: Kompletter Psycho?
C: Hoffnungsloser Fall?
In allen drei Fällen: Gnadenschuss.
Oder doch D? Super Typ! Ab dafür, damit er wieder was zur kapitalistischen Leistungsgesellschaft beitragen kann!

- Kann ich jetzt gehen? Ich habe noch was vor, drängele ich.
Er schaut von seiner Geschichtenschreiberei auf. Dann legt er den Zettelkram beiseite.
- Ich habe das Gefühl, sagt er und faltet die Hände vor dem Bauch, dass Sie das hier nicht richtig ernst nehmen, Herr Rahmanović.
Jetzt gibt es doch keinen Grund mehr, so förmlich zu sein. Vielleicht können wir ja Freunde werden?
- Ach, Sie können mich ruhig Silvan nennen, nicke ich ihm aufmunternd zu.
Er guckt etwas irritiert.
- In Ordnung, Silvan! Überlegen Sie nochmal, wie Sie auf meine Fragen antworten wollen!
Och, nö! Nicht nochmal.
- Nein, danke! Das habe ich doch schon, winke ich ab. Wissen Sie, ich weiß genau, was Sie hören wollen. Ich habe das schon mal gemacht.
Ich lege den Kopf schief und zwinkere ihm zu.
Er behält seinen Stock weiter im Arsch und glotzt mich nur fragend an.
- Sie glauben also, Sie wissen schon Bescheid?
Mist! Er hat wohl seine Kreuzchen noch nicht gemacht. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Vielleicht muss ich einfach noch netter sein.
- Wir können uns auch gerne duzen. Ist dann nicht so steif.
Er zögert.
- Ich denke nicht, meint er dann.
Ach, verdammt!
- Ich mache das einfach. Das hilft mir, mich mehr zu öffnen, weißt du, Herr …
- Valentin. Herr Valentin.

Ich senke die Stimme ein wenig. - Furchtbar schicker Anzug übrigens.
Unter seiner biederen Fassade sieht er tatsächlich ganz heiß aus. Vielleicht haben wir ja gleich ein völlig unerwartetes Date. Bestimmt ist er insgeheim vollschwul und versucht es hinter seiner Weibchen-Kindchen-Fassade zu verstecken. Kann doch sein, dass er sich gerade vorstellt, wie ich vor ihm knie und dabei ein bisschen hart wird. Solche Saubermänner sind meiner Erfahrung nach immer die schlimmsten.
- Ist doch aber viel zu heiß heute für so einen Anzug.
Ich fahre mir mit der Hand durch die Haare. Oberarme geflext, Schweißflecken entdeckt. Peinlich. Lächelnd lehne ich mich im Ledersessel zurück und lege die Hände auf die Oberschenkel, damit es nicht auffällt.
Er sieht etwas verloren aus. Habe ich dich aus dem Konzept gebracht, Herr Valentin?
Schnell fängt er sich aber wieder und räuspert sich.
- Es sollte dann doch etwas förmlicher sein.
- Alles klar! Soll ich dich dann wieder siezen, Herr Valentin?
- Bitte!
- Können SIE mir bitte sagen, wie lange wir noch haben, Herr Valentin?
- 30 Minuten.

Ich seufze.
Er starrt mich an. Jetzt soll ich etwas sagen. Keine Ahnung, was das jetzt noch sein soll. Ich habe doch schon alles gesagt.
- Mach doch einfach deine Häkchen und fertig! Dann ist das erledigt.
- Nein. Das werde ich nicht tun, wenn Sie sich nicht reflektiert mit meinen Fragen auseinandersetzen.
Das nervt. Ich verschränke die Arme vor der Brust und schmolle ein bisschen.
- Schau mal in den Spiegel! Der reflektiert.
Das beeindruckt ihn nicht.
- Ich empfehle Ihnen dringend, sich noch einmal mit Ihren Handlungen auseinanderzusetzen. Schließlich geht es hier nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um gefährliche Körperverletzung. Der Mann, den Sie verletzt haben, war lange arbeitsunfähig und hat sicher noch eine Weile mit den Folgen zu kämpfen. Das kann Ihnen doch nicht egal sein.
Nein, es ist mir nicht egal, denke ich. Es ist mir sogar ganz recht, dass das fette Arschloch das bekommen hat, was es verdient. Aber das darf ich dem Psychotypen nicht verraten, sonst macht er seine Häkchen bei A, B und C. Wir alle wissen, was das bedeutet. Mein Ziel ist es doch, D zu bekommen, auch wenn das auch nur ein Kompromiss ist. Aber wer behauptet denn schon, dass das Leben ein Ponyhof ist?
- Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts, versuche ich, Zeit zu gewinnen. Ich werde jetzt schweigen.
Er atmet laut aus, schlägt die Beine übereinander und umfasst sein Knie.
Wir schweigen.
Zwei Minuten. Fünf Minuten.
Ich habe gar kein Problem, das durchzuziehen.
- Wenn Sie sich weiterhin weigern, sagt er nach sechs Minuten, wird mein Gutachten leider nicht zu Ihren Gunsten ausfallen. Da das auch nicht das erste Mal ist, dass Sie in dieser Hinsicht auffällig sind, gehe ich davon aus, dass ein Rückfall wahrscheinlich ist und Sie eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellen. Dann wird es wohl leider doch auf eine Haftstrafe hinauslaufen.
Dieser Schnösel hat tatsächlich die Macht, mich einzubuchten.
Soll ich mir dieses selbstgefällige Gerede weiter anhören oder meinen Gefühlen freien Lauf lassen? Dann ist mein Schicksal besiegelt. Dann sitze ich in einer Zelle, starre die Wand an und bin gezwungen, permanent über mich nachzudenken. Das macht mir Gänsehaut.
Irgendwelche perversen Massenmörder mit haariger Brust würden mir dann unter der Dusche auflauern und mich brutal vergewaltigen, wenn mir die Seife runter gefallen ist.
Ich würde meine Mama, Mari und Willi nur noch einmal pro Woche durch eine Glasscheibe sehen und mit Ihnen nur über einen Telefonhörer sprechen können. Das ist doch so, oder?
Nicht auszuhalten, niemanden anfassen zu können. Wer nimmt mich dann in den Arm?
- Interessiert es dich wirklich? Oder willst du nur deine Häkchen machen?, motze ich den Psychoarsch an.
- Es interessiert mich, sagt er ganz ruhig. Er hypnotisiert mich fast mit seinem Blick.
Ich schaue wieder auf seine blank polierten Schuhe.
- Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll …, meine ich ratlos.
Er denkt kurz nach.
- Vielleicht, sagt er dann mit seinem motivierten Psychoheini-Blick, schildern Sie mir noch einmal detailliert, was an diesem Abend passiert ist.
Ich nicke.
Genau.
Ich werde es so erzählen, wie es war.
Die ganze Geschichte.
- Aber vorher, erkläre ich, will ich noch einmal klar stellen, dass ich das alles so nicht gewollt habe. Wäre es nach mir gegangen, wäre die ganze Scheiße niemals passiert.

>> Pt.1 Rewind: David