Pt. 1 – Rewind: Titus IV

Dass wir erschraken, da du starbst, nein, dass dein starker Tod uns dunkel unterbrach,...

Ich lese dieses verfluchte Gedicht jetzt bestimmt schon zum zehnten Mal.
Eigentlich wollte ich doch etwas ganz anderes tun. Nicht das Werk anderer betrachten, sondern ein eigenes schaffen. Ich lege die Trauerkarte aus der Hand. Im Angesicht des Todes fühle ich mich gleich noch mehr getrieben, nach meinem Dahinscheiden etwas Wertvolles zu hinterlassen. Ich habe die Welt zwar schon mit zahlreichen kreativen Ergüssen beschenkt, und glücklicherweise waren viele Menschen darüber sehr erfreut. Aber das hier ist jetzt etwas, das mir auf der Seele brennt. Ich bemerke, dass ich meiner Gefühle nicht mehr Herr werden kann. Alles ist zu überwältigend. Sie brauchen einen Antrieb; ein musikalisches Geleit, um nach draußen zu dringen.
Es bereitet mir fast körperliche Schmerzen, dass ich den Anfang nicht finde. Um das zu überbrücken, mobilisiere ich erst einmal meine Hände. Ich drücke sie ein wenig, bewege alle zehn Finger auf und ab, dehne die Handgelenke. Ich schließe die Augen.
Die Harmonien sprechen noch immer nicht zu mir.
Mit Unbehagen betrachte ich meine Gitarrensammlung. Welche soll es sein? Ich kann mich nicht dazu entschließen, eine anzufassen. Sie wollen nicht von mir berührt werden.
Ich schnappe mir das Notebook. Vielleicht habe ich noch irgendetwas in der Hinterhand, was als Grundlage dienen könnte. Ich setze mir die Kopfhörer auf. Jede Menge Ideen habe ich hier gesammelt. Fragmente, die einmal Songs werden wollen. Doch nichts packt mich. Nichts gibt mir den Kick, um daran weiter zu tüfteln. Nichts wird der Sache gerecht. Alles fühlt sich so nichtssagend an.

… das Bisdahin abreißend vom Seither: das geht uns an;…

Diese verdammte Karte!
Ich finde ja nicht einmal, dass ich besonders traurig bin. Viel mehr fühle ich mich gefesselt. Irgendwo gefangen zwischen klaren Aussagen, dahintreibend in einer schwammigen, undefinierten Masse, unfähig, mich weder in die eine noch in die andere Richtung zu bewegen. Seelenlos, denke ich. Ein bisschen dick aufgetragen. Das habe ich von meiner Mutter. Sie hat mich mit ihrem Poetengeist infiziert. Sie war es schließlich auch, die mir diesen hochtrabenden Namen gegeben hat. Damit hat sie meinen Weg schon vorgezeichnet.
Die Worte schwallen zwar aus mir heraus, die Musik schweigt aber immer noch.
Wie habe ich das denn bisher immer gemacht?
Es war einfach da. Ich musste mich nicht besonders darum bemühen.
Die Ideen flossen aus meiner Vorstellung in meine Hand und von dort in das Instrument. Immer klang es so, wie ich es mir im Kopf ausgemalt hatte.
Jetzt rauscht es nur noch vor sich hin. Wie ein altes analoges Radio ohne Empfang. Es pfeift wie ein Röhrenfernseher nach Sendeschluss.
Das macht mir Angst.
Ich will, dass alles wieder so wird, wie es war.

Ich war ein richtiges Glückskind.
Als ich fünf Jahre alt war, habe ich ein AC/DC Konzert im Fernsehen gesehen. Pure Energie und Leidenschaft. So klangen also die Instrumente, die bei Paps im Studio herumstanden, wenn man sie richtig laut aufdrehte. Ich war tief beeindruckt und wusste von diesem Zeitpunkt an ganz genau, was ich wollte. Ich wollte es so sehr, und niemals wollte ich etwas anderes. Es gab keinen Plan B.
- Dein Sohn wird ein Rockstar, hat Paps zu meiner Mama gesagt. Er war stolz, weil sein Reich immer nur das Studio war. Jetzt hatte er einen Sohn, der seinen Traum leben konnte. Jannicke schüttelte jedes Mal grinsend den Kopf, wenn er darüber ins Schwärmen geriet.
- Ich bin so froh, dass ich diese hohen Erwartungen nicht erfüllen muss, meinte sie.
Meine Mutter bestand darauf, dass ich erst einmal ein klassisches Instrument lernte. Also hantierte ich jahrelang gezwungenermaßen und äußerst unmotiviert mit dem Cello. Ich war jeden Tag froh, wenn ich es zur Seite stellen konnte, um in Paps' Studio zu rennen, um dort die richtigen Instrumente auszuprobieren.
TJ sind fast die Augen heraus gefallen, als er das Studio und meine Sammlung gesehen hat. Er besaß nur diese eine Gitarre, die er „Freddie“ nannte, und die hatte er auch nur gebraucht gekauft. Wir waren zehn Jahre alt, als er ein Teil der Familie wurde. Von da an hatte ich jemanden, der mit mir die gleiche Leidenschaft teilte und der mir ebenbürtig war. Wir gründeten eine Zweimann-Band. Wir hatten ein Logo. Wir sind sogar aufgetreten. Beinahe professionell. Was uns noch fehlte, war der Rhythmus.
Marc spielte kein Instrument, aber er hatte eine riesige Musiksammlung. Es konnte ihm nie laut und extrem genug sein. Unglaublich, welche Töne elektrisch verstärkte Gitarren hervor bringen können. Ich saugte alles in mich auf. Marc war es auch, der mich zu meinen ersten Konzerten schleppte. In dunkelsten Kellern dröhnte und schepperte es in ohrenbetäubender Lautstärke. Wieder einmal war ich tief beeindruckt.
- Was soll ich machen?, fragte er, als ich ihm vorschlug, ein Teil der Band zu werden. Ich drückte ihm den Viersaiter in die Hand, weil ich dachte, dass das für einen völlig Unbegabten vielleicht das einfachste wäre. Das hat er schnell gelernt. Nach meiner Anleitung versteht sich.
Als ich Ray kennenlernte und er mir erzählte, dass er ganz passabel Schlagzeug spielen würde, fühlte ich mich wie die Marie unter dem Goldregen.
Alles passte zusammen. Die gebratenen Gänse flogen mir in den Mund.
Ich musste nur warten, und alles wurde gut.
Aber jetzt...

… das einzuordnen wird die Arbeit sein, die wir mit allem tun.*

Ich nehme die Karte, trage sie aus meinem Arbeitszimmer ins Wohnzimmer. Dort stecke ich sie ins Regal zwischen zwei von Bettys Psychologiebüchern, damit sie mir nicht mehr auf die Nerven geht.

* Rainer Maria Rilke, Aus dem Requiem für Paula Modersohn-Becker, Paris, 1908

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