Pt. 1 – Rewind: Tom Julian I – II
I
So! Das wäre geschafft.
Endlich mehr Raum.
Ich setze mich auf den ehrwürdigen Thron. Alles Wichtige ist an seinem Platz. Schön, hier zu sitzen. Ich fühle mich sofort inspiriert. Alles, was mir jetzt noch fehlt, ist Zeit.
Das Allerwichtigste, das ich habe, steht plötzlich hinter mir und legt mir die Hände auf die Schultern.
- Na, großer Meister!, meint Lilli. Hast du dein Reich fertig?
Ich tätschele ihre Hand und gleichzeitig meine Schulter.
- Jawohl, sage ich nicht ohne Stolz.
- Dann hast du ja das Wichtigste geschafft.
Ich hoffe, dass sie jetzt so etwas wie - Dann leg mal los und lass deiner Kreativität freien Lauf! Ich erledige den Rest - sagt. Unwahrscheinlich.
- Arbeitsplatz und Bett. Mehr brauchst du nicht, oder?, lacht sie stattdessen.
- Eine Kaffeemaschine noch, ergänze ich. Und ein Kühlschrank wäre auch nicht schlecht.
- Wobei wir schon beim Thema wären: Würdest du mir bitte in der weniger wichtigen Küche helfen?
Schon ist der Traum von der freien Entfaltung wieder geplatzt.
- Natürlich, sage ich.
Wie könnte ich diesem schönen Wesen denn eine Bitte abschlagen?
Ich folge ihr in das Chaos, das wir Küche nennen.
Barfuß steht Lilli zwischen einem Haufen Kartons. Die Dreads hat sie oben zu einem Knäuel gebunden. Als ich die vielen unausgepackten Kisten sehe, möchte ich am liebsten wieder kehrt machen. Der Anblick ihrer nackten Waden bringt mich noch auf eine ganz andere Idee.
- Wollen wir vielleicht das Bett einweihen?, schlage ich spontan vor und bin von mir selbst überrascht.
- Haben wir doch schon. Sie räumt in ihren Gedanken schon die Schränke ein.
- Jaaa… ähm...wir haben darin geschlafen. Jetzt fühlt es sich doch sehr bemüht an, wenn ich mich erklären muss.
Nun hat sie den Wink bemerkt und lächelt mich an. Bloß nichts wie weg von diesen Kisten!
Sie kommt zu mir und umarmt mich. Ein paar Küsse wünsche ich mir und kann nur auf ihre Lippen schauen.
- Ach, Baby!, sagt ihr Mund. Ich fürchte, das müssen wir auf später verschieben.
Zumindest bekomme ich einen Kuss auf die Nase.
- Schau dir doch mal den ganzen Kram an, der hier noch rumsteht! Sie beschreibt mit ihrem Arm einen Kreis.
Dann lässt sie mich stehen und wendet sich wieder ihren Kisten zu.
Okay! Dann vielleicht später.
- Wie geht es denn Marijan?, fragt sie, während wir das Geschirr in die Schränke räumen.
- Gut, sage ich. Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht wirklich.
- Wo wohnt er denn jetzt?
- Vielleicht bei seiner Mutter, rate ich. Obwohl ich glaube, dass Ray* eher auf der Couch im Proberaum pennt, als seiner Mutter zur Last zu fallen. Oder bei Silvan und Halvar…
- Du weißt es also gar nicht.
Ich zucke die Schultern. Sie hat mich erwischt. Natürlich mache ich mir viele Gedanken um Ray. Meistens verdränge ich sie aber schnell wieder, weil mich das schlechte Gewissen packt. Weil ich das Gefühl habe, ihn im Stich gelassen zu haben, als es ihm dreckig ging. Ich weiß, er würde mir das nie vorwerfen. Aber ansprechen will ich ihn auch nicht. Bestimmt sind wir dann ganz schnell wieder dort, wo ich eigentlich nicht mehr hinwollte.
- Was ist denn das hier? Lilli kramt etwas aus dem Geschirrkarton. Sie hält eine Tasse in der Hand. Darauf sieht man eine vollbusige blonde Frau in Unterwäsche, die sich aufreizend in einem Bett räkelt. Wieso ist das Ding denn zwischen meinen Sachen gelandet? Die wollte ich doch zu Jo ins Büro bringen.
- Öhm...das ist eine Spezialtasse, grinse ich verlegen.
Sie schaut mich fragend an.
- Pass mal auf!, sage ich.
Ich nehme die peinliche Tasse und schütte den heißen Kaffee aus der Thermoskanne hinein. Wie von Zauberhand entledigt sich die dralle Blondine ihrer spärlichen Klamotten und liegt ganz nackt auf der Matratze.
Meine Freundin schaut mich ungläubig an. Sie scheint den Trick mit der Tasse nicht witzig zu finden.
Sie ist weder blond noch vollbusig und wahrscheinlich gefällt es ihr auch nicht, wenn sich nackte Damen vor mir entblößen.
- Aus dieser Tasse hast du getrunken?, fragt sie. In ihren Augen scheint das ein unentschuldbares Verbrechen zu sein. Ich weiß, dass ich sie auch deswegen an meiner Seite ist, weil Machotum und schlüpfriger Humor mir normalerweise völlig fremd sind.
- Manchmal, gebe ich zu. Das ist doch nur ein Witz.
Sie zieht die Nase kraus, als würde sie sich ekeln. Dann kippt sie den Kaffee in die Spüle und drückt mir die Tasse in die Hand.
- Sieh mal zu, dass die hier verschwindet, fordert sie.
- Jawohl, sage ich und packe das Objekt des Anstoßes in meinen Rucksack, um es später meinem Bruder zu bringen, von dem ich es auch irgendwann mal geschenkt bekommen habe.
Der Arbeitseinsatz in der Küche ist fast abgeschlossen, als sie das unheilige Thema noch einmal anschneiden muss.
- Frag Marijan doch noch mal! Irgendwie mache ich mir Sorgen. Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, sah er nicht so gut aus.
- Ach, der ist hart im Nehmen, wiegele ich ab. Wenn ich ihn frage, steht er bestimmt demnächst vor unserer Tür und fragt, ob er hier duschen kann.
- Besser er duscht hier, als dass er tagelang ungewaschen herumläuft.
Ich seufze innerlich. Da dachte ich, ich hätte vielleicht ein überzeugendes Argument vorgebracht, um der Sache nicht mehr nachgehen zu müssen.
Bloß nicht! Was kommt als Nächstes? Und was kommt danach?
Weswegen bin ich mit Lilli in eine eigene Wohnung gezogen? Doch nicht, damit Ray seine Haare in meiner Dusche verteilt.
Lilli und er alleine, denke ich voller Unbehagen. Das muss ich auf jeden Fall vermeiden.
II
- Danke, dass ich hier duschen durfte! War leider nötig.
Wir sitzen auf dem Boden und essen ein paar Reste, die Ray aus dem Café mitgebracht hat. Einen Esstisch besitzen wir noch nicht. Zum Glück gibt es aber schon einen Kühlschrank. Wäre doch eine Katastrophe, wenn das Bier warm wäre.
- Wie machst du das denn sonst so?, traue ich mich zu fragen.
- Ach, meint er und fischt die Tomaten aus dem Salat, mal so, mal so. Oft bin ich bei Sil und Halvar. Da habe ich aber keinen Schlüssel. Manchmal auch bei meiner Mutter. Die hat aber echt nicht viel Platz.
Also pennt er doch im Proberaum, wie ich vermutet hatte.
- Und dein Kram ist noch bei Sanna?
- Das meiste ja, antwortet er kauend. Komm! Iss auch mal was! Ich schaff das nicht alles allein.
Ich habe gar keinen richtigen Hunger und nehme lieber einen Schluck aus der Bierflasche.
- Willst du dir keine eigene Wohnung suchen?
- Keine Zeit. Die gewohnte Antwort. Außerdem bin ich sowieso so gut wie nie zuhause.
Jetzt weiß ich auch nicht mehr so richtig, über was wir reden sollen. Das Thema ist für mich abgehakt. Alles weitere würde nur wieder zu kompliziert werden.
Wir sitzen eine Weile schweigend beieinander.
- Schön habt ihr es hier.
- Ja.
Ich stehe auf und öffne die Balkontür, um eine zu rauchen.
- Damit solltest du aufhören. Das bringt dich irgendwann um, kommentiert er die Aktion.
- Mmmh…ja, morgen.
- Das sagst du schon seit Jahren.
- Ich rauche gar nicht viel.
- Das sagst du auch schon immer.
- Lass mir doch mein Laster!
Ich blase ein wenig genervt den Rauch aus.
- Sorry!, meint er. Ich mache mir nur Sorgen um dich.
- Danke, Nanny!, entgegne ich bockig. Mach dir mal lieber Sorgen um dich selbst!
Er legt die Stirn in Falten und verzieht den Mund zu einem leicht höhnischen Lächeln.
- Ach, Tom!, fängt er an, und ich weiß, dass er mir gleich wieder einen Vortrag halten wird. Was soll das bringen? Man kann sich doch nicht ständig Sorgen machen. Das bremst einen nur aus. Schau dich mal an…
An dieser Stelle bin ich gedanklich schon längst ausgestiegen.
- ...du machst dir ständig Sorgen und kriegst den Arsch nicht hoch. Ich schwöre dir, du hättest die Agentur noch retten können, wenn du im Kopf nicht immer nur die Worst-Case-Szenarien durchgespielt hättest...Hallo? Tom?
- Mmmh. Ich habe meinen Namen gehört.
- Hörst du mir überhaupt zu?
- Ja, behaupte ich.
Er seufzt und schüttelt den Kopf.
Ich bin mir manchmal nicht sicher, ob Ray und ich überhaupt noch befreundet wären, wenn wir die Band nicht hätten. Keine Ahnung, wann wir das letzte Mal entspannt zusammen Spaß hatten. Das muss eine Ewigkeit her sein. Mittlerweile finde ich jedes Gespräch mit ihm anstrengend. Alles dreht sich nur noch um seine Angelegenheiten. Darum, was er alles tut, was er plant und was er überhaupt nicht tun will. Über alles muss haarklein diskutiert werden, weil ihm bestimmte Dinge nicht in den Kram passen. In jedem Satz schwingt ein Vorwurf mit, weil man Sachen anders macht, als er sie für richtig hält. Oder weil man sich nicht genug den Arsch für irgendetwas aufreißt. Er ist das Maß aller Dinge.
Besonders schlimm ist es, wenn Titus und er aufeinander treffen. Das war schon immer ein Schlachtfeld maskuliner Machtansprüche. In letzter Zeit ist der Toleranzbereich, den sich die beiden einräumen, zunehmend geschrumpft.
- Hast du irgendwas von Sanna gehört?, reißt er mich aus meinen Gedanken.
Mist! Ganz schwieriges Thema. Ich drücke meine Zigarette aus. Soll ich ihm jetzt sagen, dass ich so etwas wie der Kummerkasten für seine Ex bin?
Im Lügen bin ich ganz schlecht.
- Wir haben mal telefoniert, antworte ich.
Das ist weder gelogen, noch zu viel gesagt.
Er unterbricht das Essen und sieht mich skeptisch an.
- Ach so?, sagt er mit offensichtlichem Missfallen. Und? Was sagt sie so?
War doch eine blöde Idee, mich zwischen die Stühle zu setzen. Jetzt habe ich den Salat. Sanna vertraut mir. Aber Ray und ich sind schon fast seit zwei Jahrzehnten eng miteinander verbunden. Das Loyalitätsempfinden ihm gegenüber hat mein Unterbewusstsein durchdrungen. Er ist fast wie ein zweiter Bruder für mich. Ihm etwas vorzuenthalten geht eigentlich nur, so lange er nicht fragt.
- Sie boxt sich durch, ist meine knappe Antwort.
Er fordert mich auf, weiter zu sprechen, indem er mit der Hand rotiert.
- Ich weiß nicht, ob sie es gut findet, wenn ich mit anderen darüber rede.
Seine Augen werden schmal. Ich balanciere am Abgrund.
- Mit anderen? Das ist meine Frau. Und sie redet mit dir über Dinge, die niemand wissen darf?
- Deine Ex…, korrigiere ich ihn.
- Sie ist aber immer noch eher meine Frau als deine, beschwert er sich. Also, was hat sie gesagt, dass ich nicht erfahren darf?
Ich fühle mich überrannt. Was kann ich dafür, dass mir Sanna ungefragt ihr Herz ausschüttet?
- Tom?, bohrt Ray weiter.
Wem soll ich es recht machen?
- Sie ist sich unsicher.
- Worüber?
- Über die Band, murmele ich vor mich hin und senke den Blick.
- Was meinst du? Kannst du nicht einmal konkret reden?
- Ich weiß nicht. Sie konnte es auch nicht genau sagen, druckse ich herum.
Er verliert die Geduld.
- Du nervst. Wirklich!
Er nervt mich auch mit seinen Fragen.
- Sie meint, die Chemie stimmt nicht mehr, gebe ich letztendlich preis.
Sein fragender Blick durchbohrt mich.
- Aha…, sagt er dann. Ist es meinetwegen?
- Keine Ahnung. Mehr kann ich wirklich nicht sagen.
Er zieht die Augenbrauen zusammen und atmet geräuschvoll aus.
Dann steht er auf und fängt an, das Essen vom Boden aufzuräumen.
- Lass doch!, sage ich. Du brauchst nicht…
- Danke, Tom!, unterbricht er mich. Du bist ein echter Freund...nicht.
- Ich wollte nicht…, versuche ich mich verzweifelt zu verteidigen.
- Was? Ein Kameradenschwein sein?
Mir fällt nichts mehr ein. Ich fühle mich nieder gerungen. Ich komme mir schäbig vor.
Nachdem er sein Zeug schweigend zusammen gepackt hat, wirft er mir noch ein freudloses - Viel Spaß noch in deiner neuen Wohnung! entgegen und verschwindet dann.
Ich zünde mir noch eine Zigarette an.
- Ich bin kein Kameradenschwein, denke ich. Ich habe mich nur für die andere Partei entschieden.
>> Pt.1 Rewind: Titus